Stadtraum

Stadtnatur im Wandel – Artenvielfalt in Frankfurt am Main

Roter Gitterling
Der Rote Gitterling – eine der 998 beschriebenen Pilzarten in Frankfurt am Main. © Senckenberg

Lebensräume für Pflanzen und Tiere unterliegen in Städten einem ständigen Wandel

Die Artenvielfalt der Pflanzen und Schmetterlinge in Frankfurt hat in den letzten 200 Jahren abgenommen, die Fischbestände dagegen erholen sich wieder und zahlreiche neue Tier- und Pflanzenarten fühlen sich infolge der klimatischen Erwärmung in der hessischen Großstadt wohl. Auf knapp 300 Seiten wird die Veränderung der Flora und Fauna Frankfurts in dem neu erschienenen Band der Kleinen Senckenberg-Reihe „Stadtnatur im Wandel – Artenvielfalt in Frankfurt am Main“ anschaulich vorgestellt. Senckenberg lädt am 18. Juli 2015 interessierte Frankfurter zu einem geführten Spaziergang an der Wörthspitze ein, um die Artenvielfalt der Mainmetropole kennenzulernen.

Roter Gitterling, Pokal-Azurjungfer, Schlammpeitzger, Unverschämtes Haarbecherchen und Kurzfrüchtiges Weidenröschen kaum ein Frankfurter weiß wohl, dass diese Lebewesen in seiner direkten Nachbarschaft leben. „Frankfurt ist mit rund 40 Prozent Grün-, Wald- und Ackerflächen eine sehr grüne Stadt“, sagt Dr. Indra Starke-Ottich, Botanikerin am Senckenberg Forschungsinstitut und Erstautorin des neu erschienenen Buches „Stadtnatur im Wandel – Artenvielfalt in Frankfurt am Main“ und ergänzt: „Aufgrund der vielfältigen menschlichen Eingriffe unterliegen nicht nur die Tier- und Pflanzenarten Frankfurts, sondern auch deren Lebensräume einem stetigen Wandel. Dieser muss beobachtet werden, um bei einer Bedrohung rechtzeitig eingreifen zu können.“

Genau diese Beobachtung leistet die in sechs-jährigem Turnus durchgeführte Biotopkartierung, die Senckenberg seit 1985 im Auftrag des Umweltamtes der Stadt Frankfurt durchführt. Die Kartierung der Lebensräume und der Artenvielfalt, die Erfolgskontrolle von Naturschutzmaßnahmen und die Erarbeitung von Pflege- und Schutzplänen sind wichtige Entscheidungshilfen und Konzepte für Umwelt- und Stadtplanung.

Frankfurter Stadtwald

Der Frankfurter Stadtwald – früher und heute: Die Aufgabe der Waldweide führte zum Verlust von Pflanzenarten. © Senckenberg

„Zahlreiche Pflanzenarten konnten durch solche Schutzmaßnahmen vor dem Aussterben auf dem Gebiet der Stadt Frankfurt bewahrt werden“, erzählt Prof. Dr. Georg Zizka, Leiter der Abteilung Botanik und Molekulare Evolutionsforschung am Senckenberg Forschungsinstitut in Frankfurt. Dennoch sind nach den Kenntnissen der Senckenberg Wissenschaftler seit dem Jahr 1800 mehr als 400 Pflanzenarten aus dem Stadtgebiet verschwunden – maßgebliche Ursachen sind die Intensivierung des Ackerbaus, die Aufgabe der Waldweide im Frankfurter Stadtwald, die Absenkung des Grundwasserspiegels und die Versiegelung der Landschaft durch Verkehrswege und neuen Wohnraum. Den Verlusten stehen aber auch etwa 200 Arten gegenüber, die in den letzten 200 Jahren in Frankfurt heimisch werden konnten. Diese Neubürger, wie beispielsweise das Japanische Lippenmäulchen oder das Indische Springkraut, stammen überwiegend aus Anpflanzungen in Parkanlagen und Privatgärten.

Während es bei den Pflanzen und Schmetterlingen, insbesondere bei den Tagfaltern deutliche Verluste in der Artenvielfalt zu verzeichnen gibt, haben sich die 40 Fischarten in den Gewässern Frankfurts nach der extremen Gewässerverschmutzung um das Jahr 1970 wieder erholt: „Sehr erfreulich ist beispielsweise, dass der sonst in Hessen seltene Bitterling Rhodeus amarus in der Nidda, besonders in den Altarmen, in großen Dichten zu finden ist“, erläutert Dr. Thomas Hartmanshenn, Abteilungsleiter Umweltvorsorge und Leiter der Projektgruppe GrünGürtel des Frankfurter Umweltamtes.

Schlechter steht es um den Frankfurter Feldhamster-Bestand. Lediglich an zwei Standorten – nördlich von Bergen-Enkheim und in den Agrargebieten bei Sindlingen, Zeilsheim und Unterliederbach – konnten die Nager nachgewiesen werden. „Aufgrund der Tatsache, dass bereits mehrere Vorkommen in und um Frankfurt ausgestorben sind, müssen wir diese beiden Populationen besonders im Auge behalten und schützen. Die weitere Siedlungsentwicklung in dem bereits hochverdichteten Stadtgebiet Frankfurt muss extrem behutsam vorgenommen werden, um die Hamster vor dem Aussterben zu bewahren“, warnt Hartmanshenn.

Die Kartierung der Pilzarten in der Mainmetropole ergaben, dass die Bürger Frankfurts eigentlich ständig von Pilzen umgeben sind: 998 verschiedene Pilzarten gibt es im Stadtgebiet: vom wohl bekannten Fliegenpilz über den aus dem Mittelmeerraum eingewanderten Roten Gitterling (Clathus ruber) bis zum gerade noch mit bloßem Auge erkennbaren „Gingko-Pilz“ Bartheletia paradoxa. Die Zahl der Pilzarten ist aber vermutlich um einiges höher. Anhand der in der Stadt vorhandenen Pflanzen kann man von etwa 2.800 bereits beschriebenen Pilzarten in Frankfurt ausgehen, Neuentdeckungen sind dabei noch nicht berücksichtigt.

Nutria

Ein bekannter Frankfurter Neubürger: Die aus Südamerika stammende Nutria. © Senckenberg

Das fast 300 Seiten umfassende Buch, das in der „Kleinen Senckenberg-Reihe“ erschienen ist, stellt neben den vielfältigen Forschungsergebnissen zur Tier- und Pflanzenwelt Frankfurts im Kapitel „Stadtnatur im Portrait“ viele naturnahe und besonders interessante Lebensräume des Stadtgebietes vor. Drei Vorschläge für Spaziergänge an der Nidda laden zudem alle Großstädter, Naturfreunde und Neugierige dazu ein, die erstaunliche Artenvielfalt der Region zu erkunden.

Ein geführter Spaziergang zur Wörthspitze mit Biologin Starke-Ottich findet am Samstag, den 18. Juli um 14 Uhr statt.

Weitere Informationen und Anmeldung unter:
www.senckenberg.de


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