Transforming Cities

Bessere Lebensqualität in schrumpfenden Städten

Bessere Lebensqualität in schrumpfenden Städten
Die US-amerikanische Stadt Detroit ist genau wie Cleveland vom Leerstand betroffen. © Pallagst/TUK

Forscherteams aus Europa, den USA, Mexiko und Japan suchen nach Rezepten gegen den Niedergang von Städten mit Strukturproblemen

Demografischer Wandel und der Verlust von Arbeitsplätzen führen weltweit in Städten zu einem Rückgang der Bevölkerung. In einem neuen internationalen Projekt, das von der EU-Kommission ab Oktober für vier Jahre mit 3,3 Millionen Euro gefördert wird, untersuchen Forscherteams aus Europa, den USA, Mexiko und Japan interdisziplinär, wie die Lebensqualität in schrumpfenden Städten verbessert werden kann. Dabei geht es etwa um Infrastruktur, urbane Lebensmittelproduktion, Kultur und Migration. In einer Graduiertenschule werden Doktoranden hierbei strukturiert betreut. Koordiniert wird das Projekt an der Technischen Universität Kaiserslautern von Professorin Dr. Karina Pallagst.

Die US-amerikanische Stadt Cleveland war einst eine florierende Metropole – dank Stahl- und Automobilindustrie. Doch im letzten Jahrhundert setzte mit der Öffnung der Weltmärkte und der damit einhergehenden Stahl- sowie der Ölkrise der Niedergang ein: Die Bevölkerungszahlen gingen deutlich zurück, ganze Stadtteile sind bis heute vom Leerstand geprägt. Auch Städte im Ruhrgebiet und in Ostdeutschland erlebten beispielsweise Ähnliches. „Dieses Phänomen der schrumpfenden Städte findet sich weltweit. Ursächlich dafür sind unter anderem der demografische Wandel und wirtschaftliche Faktoren wie Abbau von Arbeitsplätzen und Abwanderung von Unternehmen“, sagt Professorin Dr. Karina Pallagst, die an der Technischen Universität Kaiserslautern (TUK) zu Internationalen Planungssystemen forscht und sich schon lange mit der Thematik befasst. „In Japan beispielsweise ist die Bevölkerung in fast allen Städten schon stark gealtert. Dort hat man daher vielerorts verschiedene Maßnahmen und Techniken entwickelt“, fährt die Professorin fort. So gebe es für ältere Menschen zum Beispiel einen Transportservice für Einkäufe, aber auch einen „Huckepack“-Service, bei dem die Senioren in hügeligem Gelände zum Einkaufen getragen werden.

Im neuen Forschungsprojekt werden Teams von 16 Hochschulen, Forschungseinrichtungen, Stiftungen und Unternehmen aus Europa, den USA, Mexiko und Japan interdisziplinär zusammenarbeiten, um neue Möglichkeiten zu finden, die Lebensqualität in schrumpfenden Städten zu erhalten beziehungsweise zu verbessern. „Wir betrachten diese Prozesse aus historischer, geografischer, planerischer, ingenieur-, sozial- und wirtschaftswissenschaftlicher Sicht“, sagt die Kaiserslauterer Professorin, die die Gesamtleitung trägt und das Projekt koordiniert. „Wir werden etwa vergleichen, wie verschiedene Städte diese Probleme handhaben.“ Dabei geht es unter anderem darum, wie die Versorgung mit Infrastruktur weiterhin gewährleistet werden kann, wenn durch die sinkende Bevölkerung auch die Steuereinnahmen der Städte zurückgehen. Weitere Themen sind der Einsatz von alternativen Energien, die Nutzung von städtischen Freiflächen für die Obst- und Gemüseproduktion (Urban Farming) sowie eine nachhaltige Gestaltung von Städten, um sie besser gegen Naturkatastrophen zu sichern. Welche Rolle Kultur und Migration spielen kann, um schrumpfende Städte lebenswerter zu machen, ist ebenfalls Teil des Forschungsvorhabens, wie auch die Frage, ob und wie sich die sozialen Bedingungen in diesen Städten verändern werden. „Unsere dabei gewonnen Kenntnisse können in neue interdisziplinäre Konzepte zur Stadtplanung einfließen“, sagt Pallagst. „Schrumpfung kann so künftig auch als Chance verstanden werden.“

Das Projekt fördert darüber hinaus den wissenschaftlichen Nachwuchs: Im Rahmen einer Graduiertenschule werden ab April 2019 13 Doktorandinnen und Doktoranden in diesem internationalen Netzwerk forschen. „Sie haben zum einen die Möglichkeit, ein langfristiges Netzwerk aufzubauen. Zum anderen bieten wir ihnen ein strukturiertes Trainingsprogramm an, um sich in Workshops, Vorträgen und Praktika mit der Thematik auseinanderzusetzen“, sagt die Forscherin. So wird es von den Projektpartnern intensive Schulungsangebote geben, bei denen wichtige Kenntnisse vermittelt werden, etwa zum demografischen Wandel. Ziel ist es, die Beteiligten gezielt zu qualifizieren, dass sie im Anschluss als Führungskräfte in Behörden, Forschungseinrichtungen oder Unternehmen die Thematik innovativ angehen können.

Neben der Koordination des gesamten Projekts wird das Team um Pallagst sich mit neuartigen Planungskonzepten für schrumpfende Städte befassen. Dazu wird es unter anderem die bestehenden Rahmenbedingungen der Städte in Bezug auf Entwicklungskonzepte sowie innovative Wirtschaftszweige vergleichen und untersuchen, wie sie mit dieser Problematik umgehen und welche Strategien sie haben.

Das Projekt startet im Oktober mit einer Auftaktveranstaltung auf dem Campus der TU Kaiserslautern.

Das Projekt „Reviving shrinking cities – innovative paths and perspectives towards livability for shrinking cities in Europe“ wird im Rahmenprogramm für Forschung und Innovation „Horizont 2020“ als Marie-Skłodowska-Curie-Maßnahme von der Europäischen Kommission für vier Jahre mit 3,3 Millionen Euro gefördert. Die Koordination liegt bei Professorin Pallagst vom Fachbereich Raum- und Umweltplanung an der TU Kaiserslautern. Ferner sind beteiligt: die TU Dortmund, die Universitäten in Amsterdam, Porto und im mexikanischen Guadalajara sowie die Adam Mickiewicz Universität im polnischen Posen, die École Normale Supérieure Paris sowie die beiden Beratungs- und Forschungseinrichtungen „Cambridge Architectural Research“ aus England und „Spatial Foresight“ aus Luxemburg. Beim Vorhaben dabei sind zudem: die Bertelsmann Stiftung, die Energieagentur Rheinland-Pfalz, das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung, die Meeresfischzuchtanlage „Fresh“ im saarländischen Völklingen, die Kent State University aus den USA, das japanische Nomura Research Institute sowie das Netherlands Expert Center on Demographic Change.


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