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Trotz Hitzewelle: Genug Trinkwasser aus dem Bodensee

Quellbecken
Ein riesiges Quellbecken fasst die Wassermassen auf dem Sipplinger Berg. © Zweckverband Bodensee-Wasserversorgung

Bei Temperaturen über 30 Grad Celsius steigt der Verbrauch von Trinkwasser deutlich. Doch im Bodensee gibt es genug davon.

Wasser kommt nicht überall auf der Welt aus dem Wasserhahn, doch in Baden-Württemberg ist das seit Jahrzehnten ganz selbstverständlich. Im Oktober 1954 schlossen sich 13 Städte und Gemeinden zum kommunalen Zweckverband Bodensee-Wasserversorgung zusammen. Der gilt heute als größter Fernwasserversorger Deutschlands.

Das Lebenselixier strömt im Verborgenen: Vom Bodensee bis in den Odenwald reichen die rund 1.700 Kilometer unterirdischer Trinkwasser-Leitungen, die der Zweckverband Bodensee-Wasserversorgung, der größte seiner Art in Deutschland, seit einem halben Jahrhundert betreibt. 181 Mitglieder (147 Kommunen und 34 Wasserversorgungs-Zweckverbände) zählt der Verband, eine Körperschaft öffentlichen Rechts, und er versorgt mehr als 4 Millionen Menschen nach dem Solidaritätsprinzip mit klarem Trinkwasser.

Genau genommen war die Idee zur Bodensee-Wasserversorgung aus der Not geboren. Denn viele Regionen des Südweststaates galten seit Menschengedenken als Notstandsgebiete in Sachen Wasser. Besonders auf der Schwäbischen Alb versickert der Regen schnell im verkarsteten, porösen Untergrund. Oft legte man dort sogenannte Hülen an, besonders abgedichtete Mulden, in denen das Regenwasser einige Zeit lang gesammelt werden konnte. In den 1870-er Jahren schlossen sich erste Gemeinden zu kommunalen Versorgungsverbänden zusammen, errichteten gemeinsam Pumpwerke in den Tälern und transportierten so ihr Trinkwasser auf die Alb-Hochfläche – wie die kleine Pumpstation bei Lautern im Lautertal nordwestlich von Ulm sind sie oft heute noch in Betrieb. Im Jahre 1917 nahm die staatliche Landeswasserversorgung des Königreichs Württemberg, die von Langenau aus die Region zwischen Ulm, Ellwangen und Ludwigsburg versorgt, ihren Betrieb auf.

Wasserwagen um 1950

In trockenen Jahren versorgten Wasserwagen die Bevölkerung noch bis Mitte des letzten Jahrhunderts mit Trinkwasser. © Zweckverband Bodensee-Wasserversorgung

Dazu kommen seit jeher lokale Versorger und Stadtwerke. So in Ulm, wo man schon im 15. Jahrhundert aufwändige Brunnenanlagen wie das heutige Wassermuseum Seelhausbrunnen baute. Donau und Iller speisen hier eine Reihe ergiebiger Brunnen wie „Rote Wand“ und „Illeraue“, und Wassernot war nie wirklich ein Thema. Doch vor allem in der Region Neckar-Alb litten viele Gemeinden nach dem Zweiten Weltkrieg unter akutem Wassermangel. Das beginnende Wirtschaftswunder führte im Südwesten zu einem rasanten Bevölkerungsanstieg. Industrie, Landwirtschaft und Menschen brauchten mehr Wasser als je zuvor – und das gaben die lokalen Quellen hier einfach nicht her. Vor allem in den Trockenjahren 1947 und 1949 gehörten Wasserwagen ganz selbstverständlich zum Ortsbild.

Der Oberbürgermeister von Stuttgart, Arnulf Klett, treibt Bodenseewasserversorgung voran

Die Versorgung mit zusätzlichem Wasser aus dem Schwäbischen Meer sollte die bestehenden und vor allem die erwarteten Durststrecken überbrücken: Als sich 13 Städte und Gemeinden am 15. Oktober 1954 zum Zweckverband Bodensee-Wasserversorgung (BWV) zusammen schlossen, allen voran Stuttgart als schnell wachsende Hauptstadt des noch jungen Bundeslandes Baden-Württemberg, hatten vorausschauende Politiker schon seit Jahren Kärrnerarbeit geleistet. Der damalige Oberbürgermeister von Stuttgart, Dr. Arnulf Klett, galt als besonders aktiver Kämpfer für die Sache, beispielsweise ist es öfter vorgekommen, dass Arnulf Klett bei einem besonders störrischen Grundstücksbesitzer persönlich die Verhandlungen über die Einlegerechte für die Wasserleitung geführt hat – in jedem Fall mit hundertprozentigem Erfolg. Es ist sogar überliefert, dass der OB schon mal einen ganz eiligen Brief eigenhändig zum Postkasten gebracht hat, nur um die Arbeiten voran zu treiben.

Trinkwasserleitung im Bau

Die Bauzeit für die Trinkwasserleitung währte nur zwei Jahre und acht Monate. © Zweckverband Bodensee-Wasserversorgung

Großprojekt mit kurzer Bauzeit

Die Bauarbeiten für dieses Großprojekt gingen selbst unter modernen Gesichtspunkten im Eiltempo voran: Schon im Februar 1956 fiel mit der ersten Stollensprengung sozusagen der Startschuss für eine der größten Baumaßnahmen Europas. Auf einer Gesamt-Trassenlänge von 265 Kilometern wurde zunächst die erste Hauptleitung – eine zweite folgte später – vom Pumpwerk Sipplinger Berg bis in 753 Meter Höhe zum Scheitelbehälter Liptingen bei Tuttlingen verlegt. Dort befindet sich der höchste Punkt der Hauptleitung: Ab hier fließt das Trinkwasser im natürlichen Gefälle über die Hochebene der Baar vorbei an den Zentren des Mittleren Neckars bis in den Raum Stuttgart. Etliche Verzweigungen, Hochbehälter und kleinere Pumpstationen stellen die Versorgung hoch gelegener Kommunen wie Triberg im Schwarzwald oder Albstadt sicher. Die Leistung der Planer und der gut 3.000 Bauarbeiter nötigt auch heute noch einigen Respekt ab: Flüsse und Autobahnen wurden überspannt, Berge durchquert und insgesamt gut 1,8 Millionen Kubikmeter Erde bewegt. In Tuttlingen richtete man eigens ein Werk für die Produktion der benötigten Spannbetonrohre ein, und die Rechnungsprüfer hatten nach Ende der Bauarbeiten die stattliche Zahl von 12.000 Belegen nachzurechnen.

Am 16. Oktober 1958, nach nur zwei Jahren und acht Monaten Bauzeit, startete Dr. Arnulf Klett mit einem Druck auf den berühmten Roten Knopf den Betrieb. Dabei hatte das Projekt Bodenseewasser nicht nur Befürworter – besonders in den südbadischen Gemeinden am Bodensee herrschte Unruhe. Schließlich war nur zwei Jahre zuvor unter heftigem politischem Getöse der Südweststaat aus Baden, Württemberg-Baden und Württemberg-Hohenzollern geboren worden. Viele Südbadener standen der neuen Zentralregierung in Stuttgart skeptisch gegenüber, und an den Wirtshaus-Stammtischen machte nun das Schlagwort von der „Firma Wasserklau“ die Runde. Mancher Einheimische fürchtete sogar, man wolle ihm jetzt „den See leer saufen“.

Den See trinkt so schnell niemand aus

Das allerdings stand nicht einmal im so genannten Jahrhundertsommer 2003 zu befürchten, obwohl die Bodensee-Wasserversorgung allein am 8. August des Jahres 2003 mit mehr als 530.000 Kubikmetern so viel Wasser pro Tag lieferte wie nie zuvor. Insgesamt sank der Seewasserspiegel damals nur um wenige Millimeter. Im Vergleich zu den natürlichen Wasserstands-Schwankungen von etwa vier Metern ist das zu vernachlässigen. Kein Wunder: Jahr für Jahr durchströmt eine gewaltige Wassermenge von gut 11,5 Milliarden Kubikmetern den See. Sie stammt hauptsächlich aus den Alpen, wird vom Rhein, der Dornbirner und der Bregenzer Aach, den Flüsschen Schussen und Argen und unzähligen kleineren Zuflüssen eingetragen und verlässt das Seebecken über den einzigen Abfluss bei Stein am Rhein in Richtung Nordsee. Dagegen nimmt sich die Wassermenge von rund 130 Millionen Kubikmeter jährlich, die durch die Trinkwasserpumpen der BWV rauscht, geradezu bescheiden aus: Es sind nicht einmal zwei Prozent des Durchflusses – etwa die Hälfte jener Menge, die auf natürliche Weise über der Seeoberfläche verdunstet.

Beim Seepumpwerk Sipplingen wird das Wasser aus einer Tiefe von 60 Metern entnommen. Damit nichts vom Seegrund angesaugt werden kann, befinden sich die drei mit Siebfiltern versehenen Entnahmeköpfe auf zehn Meter hohen Türmen. Insgesamt sechs Elektropumpen drücken dann das „Rohwasser“ über stählerne Druckleitungen in die mehr als 300 Meter höher gelegenen Aufbereitungsanlagen auf dem Sipplinger Berg. Bis zu 9.000 Liter Wasser pro Sekunde können so gefördert werden – ein riesiges Becken fasst die tosenden Wassermassen oben im Quellhaus.

In physikalisch-chemischer Hinsicht hat bereits das unbehandelte Rohwasser die gesetzlich vorgeschriebene Trinkwasserqualität. Das ist einer geologischen Besonderheit des Bodensees zu verdanken: Durch seine große Tiefe von bis zu 254 Meter bildet der See 15 bis 30 Meter unter der Oberfläche eine Sperrschicht, Metalimnion genannt. Sie trennt die lichtdurchflutete und warme obere Wasserschicht (Epilimnion) von der mächtigen unteren Schicht (Hypolimnion), deren Wasser in völliger Dunkelheit klar und rein bleibt und stets erfrischende 5° Celsius kühl ist – ideale Voraussetzungen für die Trinkwasserversorgung. Fast das ganze Jahr über bleibt diese Schichtentrennung stabil und sorgt dafür, dass Verschmutzungen durch Schiffsverkehr, Tourismus oder Industrie mit der Strömung des Oberflächenwassers aus dem See abfließen. Nur im Winter, wenn die obere Schicht stark abkühlt, wird für kurze Zeit die gesamte Wassermasse des Bodensees umgewälzt.

Drei Aufbereitungsstufen erzeugen reines Trinkwasser

Deshalb genügen drei besonders schonende Aufbereitungsstufen, um aus dem Rohwasser Trinkwasser erster Qualität zu machen. Zwölf rotierende Mikrosieb-Trommeln, die mit feinstem Polyestergewebe bespannt sind, bilden die erste Stufe der Aufbereitung. Die Maschen der Gewebesiebe sind mit 15 Tausendstel Millimeter Durchmesser etwa fünfmal feiner als ein Menschenhaar und filtern Schwebstoffe und kleinste Mikroorganismen heraus.

In der nächsten Stufe wird das Rohwasser ozoniert, um womöglich enthaltene Keime abzutöten und gelöste organische Substanzen zu inaktivieren. Das Ozon wird unmittelbar vor dem Eintrag ins Wasser aus reinem Sauerstoff (O2) in sogenannten Röhrenozoneuren hergestellt. In Zwischenbehältern mit insgesamt 70.000 Kubikmeter Fassungvermögen tragen Injektoren das Ozon ins Wasser ein, Mischer verteilen die winzigen Ozonbläschen gleichmäßig im gesamten Wasserkörper. Nach zwei Stunden ist das Wasser auf natürliche Weise entkeimt.

Filterhalle

Der Filterkörper in den Filterbecken besteht aus 40 cm Anthrazitkohle und 60 cm feinem Quarzsand. Er liegt auf einer 60 cm starken Stützschicht aus Kies. © Zweckverband Bodensee-Wasserversorgung

In den 27 Filterbecken der dritten Aufbereitungsstufe schließlich werden durch Schichten aus Bimsstein und Quarzsand die noch im Wasser verbliebenen Partikel ausgefiltert. Rund 3.000 Quadratmeter Filterfläche und ein wenig Eisensalz als Katalysator genügen in dieser letzten Reinigungsphase. Um das Wasser auf seinem langen Weg bis in den Norden des Verbandsgebietes sicher vor mikrobiologischen Beeinträchtigungen zu schützen, wird dem Wasser eine geringe Menge an Chlor zugegeben. Dann drücken die Reinwasser-Pumpen bestes Trinkwasser in die beiden Hauptwasserleitungen und führen es zu den Übergabepunkten bei Wasserwerken und regionalen Versorgungsunternehmen.

Schon Anfang der 70-er Jahre war die erste Wassertrasse über Tuttlingen und Rottweil so stark ausgelastet, dass man eiligst die Sipplinger Anlagen erweiterte, vor allem aber eine zweite Hauptleitung verlegte. Diese Leitung transportiert heute den größten Teil des benötigten Trinkwassers. Sie führt gleich in nördliche Richtung zum Mittleren Neckar und weiter bis Bad Mergentheim und in den Odenwald nördlich von Walldürn. Südlich von Stuttgart zweigt ein Leitungsast nach Westen ab und versorgt den Raum Pforzheim und das Stromberg-Gebiet. Kernstück der zweiten Trasse ist ein 24 Kilometer langer mannshoher Stollen zwischen Veringenstadt und Mössingen-Talheim. Er durchquert die Schwäbische Alb in bis zu 260 Meter Tiefe und ermöglicht es, bis an den Fuß des Odenwalds das natürliche Gefälle zu nutzen.

Zahlreiche Regel- und Kontrollsysteme überwachen automatisch die technischen Anlagen des Leitungsnetzes. In zwei hoch modern ausgestatteten Schaltwarten tun Technikerteams ihren Dienst rund um die Uhr. Geradezu pingelig wird das Wasser selbst kontrolliert: Jährlich führt das Betriebs- und Forschungslabor auf dem Sipplinger Berg mehr als 15.000 einzelne physikalisch-chemische Untersuchungen durch. Rund 16.000 weitere Wasserproben werden dem Wasser im See, in den Leitungen und den Übergabestellen entnommen, um bakteriologische Kontrollen durchzuführen.

Ohne Zweifel: Kein Tafel- oder Mineralwasser unterliegt so strengen gesetzlichen Vorschriften wie Trinkwasser. Und seit fast 60 Jahren beziehen viele baden-württembergische Verbraucher das wichtigste Lebensmittel aus dem Schwäbischen Meer.

Informationen für die Besichtigung des Wasserwerks auf dem Sipplinger Berg


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